Antwerpen - an der Grenze zwischen Nordsee, den Niederlanden und doch noch in Belgien
Posted on 29th Jul 2019
Antwerpen, hinsichtlich bei Einwohnerzahl ca. doppelt so groß wie Brügge besitzt andere Qualitäten als die letztgenannte Stadt oder Gent. Hier ist vieles moderner, dies ist vor allem auch durch den gigantischen Hafen begründet, der sich in Richtung Nordwesten zut Nordsee erstreckt.
Eine kurze Historie:
1) 2 Jhdt: kleine römisch-gallische Siedlung, bereits Wollstoffproduktion im Scheldegebiet
2) 7 Jhdt: Fischer- und Bauerndorf, die Umgebung produziert Wollstoffe, doe nach England und Skandinavien exportiert werden
3) 15 Jhdt: Antwerpen entwickelt sich zum Durchfuhrhafen für englische Stoffe, da dies durch andere Städte aus Flamen/Brabant boykottiert wird, erlebt Antwerpen aus dieser Alleinstellungsposition enormes Wachstum.
Das bedeutet: 100.000 Einwohner, neue Stadtmauer, neue Zitadelle etc. Dieser Wohlstand zieht Künstler an.
4) 1585: Fall Antwerpen, Rückgang des Wohlstandes, die Bürger mit Geld investieren in Fernost (Indien, China) für den Import von Kaffee, Tee, Pfeffer etc.
5) Im 17-ten Jahrhundert schließen sich die Händler zu Geselltschaften zusammen um Wachstum/Gewinne zu sichern ("Oostendse Compagnie")
6) Ca. 1870: Der Hafen wird für die Dampfschiffahrt modernisiert, Anlegelänge wird vergrößert, Eisenbahnanschlüsse für Transport in das Hinterland einrichten. Die Kolonialisierung boomt, vor allem mit dem Kongo. An der Schelde waren "Kongoschiffe" ein gewohntes Bild, Transporte von Antwerpen nach Matadi (wichtigster Hafen im Kongo)
7) Ab ca. 1940: Fokus auf Erdöl, Chemische Industrie, Verdoppelung der Größe der Docks.
Wie andere große Hafenstädte ist Antwerpen bemüht die Hafenviertel zu revitalisieren. Dies erfolgt einerseits durch eifrigen Wohnbau andererseits die Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Radwegen sowie durch Ansiedeln von architektonisch attraktiven Bauten.
Die Radwege sind breit, sehr gut gekennzeichnet und bevorzugtes Bewegungsmittel - nicht nur in Antwerpen sondern in allen Beneluxstaaten, häufig sind Fußgänger und Radfahrer Ampeln anzutreffen und sehr häufig haben die Fahrradfahrer eine eigene Auffassung zur Gültigkeit von Verkehrsregeln. Aber zurück zu weiteren Highlights von Antwerpen, Bahnhof und Zoo.
Der Zoo von Antwerpen gehört zu den ältesten in Europa und trotz vieler Modernisierungen ist ihm das Alter anzusehen Die Verwaltung bemüht sich dies mit viel Grün und gepflegten Blumen auszugleichen, und die Häuser aus der Jahrhundertwende besitzen Charme und sind mit liebevollen Details versehen. Neben dem Zoo befindet sich der Bahnhof und es ist den Verantwortlichen gelungen die Architektur aus 1905 zu erhalten und in mehreren Geschoßen die Züge in diesem Kopfbahnhof eintreffen bzw. abfahren zu lassen. Angesichts der Architektur ist die Bezeichnung "Eisenbahnkathedrale" nicht überzogen.
Das Thema Kirchen in den Niederlanden und auch hier in Belgien ist ein sehr einfaches, je mehr Museums-Charakter desto eher wird Eintritt verlangt. Die Liebfrauenkirche ist die erste wo Eintritt verlangt wird, wohl den vielen Gemälden geschuldet, die hier ausgestellt sind. Mit einem Entstehungsjahr von 1521 und der Mischung aus romanischen und gotischen Elementen ist sie für Besucher von Antwerpen Pflichtprogramm. Der Begriff "Entstehungsjahr" ist hier etwas verfälschend, beispielsweise ist der Turm 1521 nach fast 170 Jahren Bauzeit fertiggestellt worden.
Noch selten habe ich ein breites Mittelschiff und jeweils links und rechts drei Seitenschiffen vorgefunden und aufgrund dieser Größe wurden in Teilen der Seitenschiffe Gebetsräume für die Gläubigen geschaffen die 150 bis 200 Personen fassen können.
Die Highlights in der Kirche sind einerseits Gemälde von Rubens (z.B. die Kreuzaufstellung und die Kreuzabnahme), andererseits Kunstwerke, welche die Zünfte in Antwerpen bei anderen Malern in Auftrag gegeben hatten. Antwerpen war über Importe und Exporte sehr reich geworden. So hat es Altäre an diesen Pfeilern für die Zunft der Schreiner oder der Lehrer oder der Gärtner gegeben, heute hängen hier Gemälde, welche von diesen in Auftrag gegeben wurden.
Sie verkörpern Bibel Motive, die mit dem jeweiligen Berufsstand in Verbindung zu bringen sind.
Die Beichtstühle - mehrheitlich aus dem 18-ten Jahrhundert - sind kunstvoll geschnitzt, übrigens nicht nur in der Liebfrauenkirche hier sondern auch in anderen besuchten Kirchen.
Apropos Rubens (1577 - 1640) - hier in diesem Haus ("Das Rubenshaus") in Antwerpen hat der Maler mit zumindest zwei seiner Frauen gelebt. Der Grund wurde 1610 mit der ersten Frau erworden, daraufhin viel nach eigenen Entwürfen gebaut. Da er auch Diplomat war, entsprechend wohlhabend und luxuriös.
Im Jahr 1634 heiratete Rubens zum zweiten Mal, diemal eine deutlich jüngere Frau aus bürgerlichem Haus. Die Begründung für die Brautwahl (entgehen der empfohlenen Adeligen) ist nicht ganz jugendfrei (aus einem Schreiben von Rubens an einen französischen Gelehrten im Jahr 1634).
Das Haus zeigt auch die Werke anderer Maler aus der Region, van Dyck, de Coster, Breugel oder van Veen - und gibt damit viel über das Leben der Zeit um 1550-1650 wieder, also spannend und interessant. Viele der Maler waren seine Schüler.
Ein Wort noch zum "Geschäft" des Malens. Dieses Gewerbe war tatsächlich Business wie jedes andere, häufig haben mehrere Maler an einem Werk zusammengearbeitet, jeder seinen Stärken entsprechend. Rubens malte die Menschen, Paul de Vos und Jan Wildens malten jeweils Tiere und Landschaft und fertig ist die beeindruckende Jagdszene mit Göttin Diana. In einem anderen Beispiel skizziert Rubens die Figuren und überlässt das weitere Gemälde einem Schüler oder Malerkollegen.
Ein spannendes Objekt stellt - im Inneren wie auch im Äußeren - das Museum am Strom dar, an der Schelde gelegen, die sich durch Antwerpen in Richtung Nordsee zieht. Hier wird auf 8 Etagen der Schifffahrt dem Leben in Antwerpen Raum gegeben sowie mehreren Sonderausstellungen, beispielsweise zur Ernährung einer großen Stadt am Meer bis hin zu den Schiffen, welche für den Abtransport der Fäkalien verantwortlich waren.
Erwähnenswert: Es gibt Dauerausstellungen, die kostenfrei sind und auch der Panoramablick vom obersten Geschoss kostet ebenfalls nichts, für den Museumseintritt allerdings bekommt man ein kleines weißes Armband angelegt